Projekte
Über uns
Kontakt
Pressespiegel
www.skelt.ch

HNA

«Stadtrealität wird Theater» - «Mit dieser Unschärfe spielten die beiden Regisseure virtuos.» - «Den Stadtraum zu bespielen, ist eine schwer zu realisierende Vision. Hier geschah es auf die fantasievollste Art,...» - «...lag eine Stunde lang ein poetischer Zauber über der Innenstadt.»

TagesSatz «Oft wirft man Theater vor, es beziehe sich zu stark auf sich selbst, reflektiere die Realität nicht adäquat. Dass es auch Regisseure gibt, die genau dies zum Thema gemacht haben, zeigt das Projekt «Wirrklichkeit» des Staatstheaters Kassel.»

HNA - Hessische Niedersächsische Allgemeine v. 12.07.2004

Wenn der Alltag tanzt
Mit dem Stück «Wirrklichkeit» zeigten Tom Ryser und Skelt!, wie man eine Stadt bespielt

Stadtrealität wird Theater: Wie fliessend die Grenzen zwischen Wirklichkeit und inszenierung sind, zeigte am Samstagabend das Theaterstück «Wirrklichkeit», das in einer Staatstheaterinszenierung vor dem Kasseler Rathaus aufgeführt wurde. Etwa 2000 Zuschauer verfolgten das Spektakel unter der Regie von Tom Ryser und Skelt!, die mit zahlreichen Ideen und Spezialeffekten und vielen Laien-Darstellern aufwarteten. Im Zentrum des Geschehens lag ein Obdachloser.

Von Werner Fritsch

KASSEL. Am Ende haben wohl einige unter den 2000 Zuschauern auf der Rathaustreppe und dem Vorplatz angesichts der winterlich Vermummten auf dem Kasseler Rathausplatz tatsächlich gefroren, und als ein Damenchor, wild grimassierend (Anm. d. Red.: «wild grimassierend» = gehörlos...!), «Stille Nacht» anstimmte und Geschenke ausgetauscht wurde, da konnte einem sogar weihnachtlich ums Herz werden.

Was wirklich ist und was Inszenierung, das war bei der Staatstheater-Performance «Wirrklichkeit» der beiden Schweizer Künstler Skelt! und Tom Ryser nicht immer so klar wie bei der weihnachtlichen Szene, bei der auch der Komponist Friedrich Schenker («Johann Faustus» (Anm. d. Red.: diesjährige Inszenierung am Staatstheater Kassel)) als Posaune spielender Weihnachtsmann aufgeboten wurde.

Es ist eine Frage der Wahrscheinlichkeit, was wir als Alltag und was als künstlerische Intervention erleben. Mit dieser Unschärfe spielten die beiden Regisseure virtuos. Zum grossen Vergnügen des Publikums, das besonders die unfreiwilligen Akteure feierte: etwa die Menschen, die ungläubig und irritiert aus vorbeifahrenden Strassenbahnen auf das Spektakel vor dem Rathaus starrten.

Den Stadtraum zu bespielen, ist eine schwer zu realisierende Vision. Hier geschah es auf die fantasievollste Art, indem die Wirrklichkeit nur ein wenig erweitert wurde - zur Wirr-klichkeit.

Es ist lustig und utopisch zugleich, wenn sich Polizisten die Hosenbeine abreissen, um kurzbehost auf dem Rathausplatz einen Tanz hinzulegen, wenn Stadtreiniger in ihrem orangefarbenen Outfit mit Besen zu fantastischen Breakdancern werden. Und wenn Ballettmädchen im Tutu mit schwarzen Müllsäcken durch die Fussgängerzone tänzeln.

Wie viel muss ein Regisseur nachhelfen, um aus Alltagsszenen Theater zu machen? Manchmal gar nicht viel. Am effektivsten ist der Zeitraffer. Tom Ryser liess innerhalb einer Stunde alle vier Jahreszeiten ablaufen - inklusive Herbststurm mit verwehten Blättern und dichtem Schneefall (aus der Theaterschnee-Kanone).

Ein tolles Spektaktel, das aber keineswegs nur harmlos wie ein Disneyfilm daherkam, in dem ja auch Polizisten plötzlich zu singen anfangen und die Welt zum Musical wird. In dem Räumen über dem «Woolworth»-Kaufhaus wurde stattdessen vor offenem Fenster ein Beziehungsdrama gespielt - unentscheidbar zwischen witzig und beklemmend.

Bei Ryser und Skelt! (der die Aktion mit einer Art Gebärdensprache kommentierte) - (Anm. d. Red.: hierbei handelte es sich um Christian Pflugfelder, einen professionellen Gebärden-Dolmetscher) - wird Stadtrealität nicht ausgeblendet. Im Zentrum des Geschehens lag ein Obdachloser, der zum Schluss der Kunst (dem Hamlet-Monolog) den Ton abdrehte.

Auch das Publikum wurde nicht geschont. Wie bei Demonstrationseinsätzen wurde ausgiebig mit Wasser gespritzt, manch einer wurde klatschnass. Dennoch lag eine Stunde lang ein poetischer Zauber über der Innenstadt. Hunderte hatten mitgemacht: Polizisten, Stadtreiniger, Cheergirls und viele mehr. Ein spielerisch-leichtes Adieu nach fünf Jahren Intendanz von Christoph Nix.

TagesSatz - Das Strassenmagazin Juli/August 2004

Wirrklichkeit
Ein Kasseler Kaleidoskop

Zum Abschluss der aktuellen Spielzeit wird hier etwas Besonderes präsentiert. Ein Knotenpunkt der Kasseler Innenstadt wird Theaterschauplatz; der Rathausvorplatz zur Bühne, die Freitreppe zur Zuschauertribüne. Sonst im Theater klar gezogene Grenzen verschwimmen: Passanten werden Schauspieler, Akteure zu Flaneuren und Zuschauer zu Voyeuren: Der Realität wird kräftig nachgeholfen.

Der Alltag beginnt dann abzugleiten

Wirrklichkeit - Choreographie des Alltags ist eine Melange aus Traumsequenzen, unvermuteten Begegnungen und überraschenden Wendungen. Die Wirklichkeit der Strasse erfährt theatralische Überhöhung durch das Spiel mit Bildern und Rhythmen. Mitwirkende der Inszenierung sind Schauspieler, Tänzer, Musiker und weitere Staatstheatermitarbeiter. Dazu kommen ca. 100 Statisten, zusammengesetzt aus Schulen, Vereinen, Breakdancern, Angehörigen von Selbsthilfe-Gruppen, Polizisten und anderen mehr. Auch Personal der Stadtreiniger, Feuerwehrleute, sowie ein Spielmannszug sind vertreten.

Stetige Präsenz des Alltags

Analog einer Guckkasten-Bühne, wird die Strasse zwischen Rathaus und «Woolworth» durch einen Rahmen vom Publikum separiert, das auf der Freitreppe vor dem Rathaus seine Sitzplätze findet. Die Realität des Alltags an diesem Punkt der Oberen Königsstrasse bleibt stets präsent: Der Zuschauer sieht wirklichen Passanten zu, und Schauspielern, denen man nicht gleich anmerkt, welche Funktion sie innehaben. Entgegen dem inszenierten Theaterabend, bei dem es die Verabredung gibt, dass alles, was auf der Bühne passiert, Illusion ist; ein Kunstgebilde, eine «Als-Ob»-Situation, bietet diese Inszenierung die Möglichkeit, Zuschauer zum Spiel mit Realität und Fiktion zu verführen. So kann die Wirklichkeit in die Welt des Theaters einbrechen; oder der Alltag den Weg ins Theater finden: ein unbeteiligter Passant wird vielleicht plötzlich zum Mittelpunkt einer Tanz-Choreografie. WIRRklichkeit ist auch, wenn er sich in einer Spielszene wiederfindet, sich über die Anwesenden auf der Rathaustreppe wundert und überhaupt nicht weiss, wie ihm geschieht. Dass hierbei schöne, auch seltsame Augenblicke entstehen können, liegt auf der Hand. Oder die Wirklichkeit von Terror und Krieg, die in anderen Ländern - leider - zum Alltag gehört, nimmt sich ihren Raum. Als Kontrapunkt spielt dann, mitten im Juli, das Wetter verrückt. Mit «Wirrklichkeit» soll mithin dem/der Zuschauer/-in ermöglicht werden, einen ganz anderen Blick von Kassel, seinem/ihrem eigenen Alltag zu gewinnen. Der Anspruch von Tom Ryser: Möglichst viele Menschen aus verschiedensten Bereichen sollen mitwirken, denn jeder Einzelne ist ein Spezialist auf seinem Gebiet. Die Inszenierung ist im besten Falle ein Abenteuer für Zuschauer und Spieler. In Kassel ist an diesem Abend alles möglich! Kommt, macht mit, oder schaut zu!

«Verführung zum Erlebnis und zur Reflexion»
(Interview mit dem Regisseur Tom Ryser)

Tagessatz
(TS):
Herr Ryser, wie unterscheidet sich Ihr Ansatz, Theater zu machen, von üblichen Vorgehensweisen?
Tom Ryser
(Ryser):
Ein wichtiger Aspekt meiner Arbeit ist, zu versuchen, gewohnte Zuschauerhaltungen aufzubrechen. Eine normale Vorstellung ist ja oft Flucht «aus» und «vom» Alltag. Mir geht es bei «Wirrklichkeit» darum, bei Spielern, Zuschauern und zufällig innehaltenden Passanten den Bezug zu deren Alltag herzustellen. Kniff bei jenem Umgang mit Alltag ist, reale Vorkommnisse zu integrieren. Für die Zuschauer ist nicht sofort erkennbar, wo sich WIRRklichkeit im Bereich von Realität aufhält, oder ob wir uns nicht längst in der Fiktion bewegen. Ich möchte, dass der Zuschauer etwas erlebt, nicht nur einen Gedanken vorgeführt bekommt.
TS Worin besteht die Intention Ihrer Arbeit? Mit welchen Mitteln setzen Sie diese um?
Ryser Die Hauptidee ist, dass ich Akteure und Zuschauer für den Begriff «Wirklichkeit» sensibilisieren möchte. Ich liebe es, Zuschauer auf spielerische Weise zu verführen, zu zeigen, dass nichts im Leben absolut ist, nur auf die eine Weise gesehen werden kann. Es gibt viele Zugänge zum Thema Liebe. Das Theater hat einen, in Songs der Pop-Kultur, oder in Reality-Shows kommt sie vor, wird spezifisch präsentiert. Auch ein Streit kann...Liebe sein. «Wahrheiten» lassen sich auch so interpretieren, dass Grenzen zwischen Realität und Fiktion verwischen. Kommunikationsmuster kann man nutzen, oder wie in der Werbung benutzen, indem man sie unterläuft. Meine Inszenierung «Wirrklichkeit» ist, analog dem Wetter, in Jahreszeiten unterteilt. Bei mir kommt aber der Krieg als fünfte hinzu. Er rückt zusehends in das Bewusstsein von uns allen, ob wir wollen, oder nicht. Mein Ansatz ist ein substanzieller, da ich Individuen zu sich selbst, dem eigenen Realitätsbezug hinführen möchte. Jede(r) kann und soll eigene Realität prüfen, gar hinterfragen.
TS Möchten Sie eher unterhalten, oder ist Ihr Anspruch, zum Nachdenken anzuregen, gar zu provozieren?
Ryser Ich möchte nie nur das eine ODER das andere tun! Meine Stücke sollen immer auch unterhalten, können aber natürlich auch provozieren; dies liegt aber am Thema und nicht an der puren Absicht, einfach nur zu provozieren. Ich liebe den Crossover und die Verbindung von vordergründig Unterschiedlichem. Dabei darf Humor nie zu kurz kommen. Nur das Lachen macht uns offen genug, auch Trauriges, Seltsames oder Grausames zu sehen; mit allen Sinnen zu begreifen. Ich prüfe allerdings genau, wann politische Bezüge existieren, wie ich diese einsetze, ob sie denn im Kontext Sinn machen.
TS Spiegelt Theater nur Realität wieder, oder bietet es Ihrer Meinung nach auch Möglichkeiten, darüber hinaus zu gehen? Können Sie uns das veranschaulichen?
Ryser Ich denke, es geht immer über die Wirklichkeit hinaus. Man könnte Theater als 'Film ohne Zoom-Objektiv' beschreiben. Der Theaterbezug an diesem Abend ist durch die klassische Aufteilung Bühne-Publikum, ähnlich dem bekannten Guck-Kasten, vorgegeben. Klar, ich orientiere mich stark an Realität, dem Alltag. Menschen sind alltäglich, der Rathausplatz, die Strasse ebenso. Die Mischung aus all jenen Einzelteilen macht das Neue, Ganze aus. Der normale Samstagmittag soll ja gebrochen werden. Erst geht das Publikum in die Stadt und nimmt diese wahr, indem es sich zum Beispiel zum Ausruhen hinsetzt. und da(nn) kommen wir, mit den Geschichten und Akteuren.
TS Herr Ryser, wie sehen Ihre Erwartungen und Wünsche bezüglich der Vorstellung aus?
Ryser Ich wünsche mir, dass möglichst viele Menschen kommen, uns zusehen und sich von uns verführen lassen. Danach sehen sie die Realität mit anderen Augen, eben WIRRklich!