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Pressespiegel
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Einige Auszüge der Pressestimmen

Züri Tipp vom 28. Mai 1999

Wie grosse Queens

EIN HIP-HOP-MUSICAL ODER

«MUSIKTANZRAPTHEATERSTÜCK» MIT TEMPO, TANZ UND VIELEN FRECHEN TÖNEN.

Endlich! Wie gross war doch nach dem Gastspiel des Basler Hip-Hop-Musicals «Gleis X» in der ausverkauften Gessnerallee der Gluscht, so etwas bald wiederzusehen! Weil es wirklich fantastisch war, wie die jungen Leute unter der Leitung von Tom Ryser, Skelt! und Eva Watson mit einer Verschwendungssucht sondergleichen rappten und tanzten und so viel von ihrer Lebenswelt erzählten, wie man sonst auf den Bühnen dieser Stadt einfach nicht erfährt. Jetzt kommt also die neue Produktion von Ryser, Skelt!, Watson - oder von «Gendertainment», wie sie sich als Produktionsgemeinschaft nennen. Sie heisst «prinZÄHssinnen» und ist zusammen mit acht zum Teil sehr jungen Frauen aus Zürich und Basel entstanden. Die fünf Zürcherinnen kommen aus der Hip-Hop-Formation A to Z und haben alle bereits Konzert- und Bühnenerfahrung, die Baslerinnen wurden ganz normal gecastet, aber auch ihnen liegt ein Gespür für die Reime, Rhythmen und bodenlosen Frechheiten der grossen Hip-Hop-Queens im Blut.

Denn ums Frechsein dreht sich die ganze Chose. Darum, wie acht Frauen der wirklich jungen Generation die Welt der Eltern, der Männer, des Fernsehens und der Sex-Industrie so auseinander nehmen und neu zusammensetzen wie es ihnen gefällt. So überhaupt nicht politisch korrekt und mit verbalen Schlag- und Breitseiten und überhaupt mit einem Mundwerk, das Elfriede Jelinek extrem blass aussehen lässt. Und grossen Spass macht!

Von Simone Meier

Zürcher Tages Anzeiger vom 3. Juni 1999

Powerbabys

"Prinzähssinnen" ist Theater im Overdrive: Hip Hop und Feminismus.

Die "Prinzähssinnen" drehen die Geschlechterventile voll auf und spritzen mitHochdruck Richtung Mann. Das ist ziemlich hygienisch, für die acht Frauen mitDurchschnittsalter 20 aus Basels und Zürichs Hip-Hop-Szene jedenfalls. Undgesünder, als im Ferienlager den Fresspäckliteilet mit den Jungs zu boykottieren. In den siebzig Minuten Vollgastheater der zähen Königinnentöchter nämlich sind Männer reinrassige Schwanztiere, die dauernd läufig wedeln und rüde bellen. Gut so, obwohl ich ein Mä-hä-nnchen bin. Denn auch als hormongesteuerte Spezies verlässt man das Migros Museum, wo Premiere war, bevor im Jugendhaus Dynamo weitergespielt wird, ziemlich gut gelaunt. Das liegt nichtvorab an den kruden Männerparodien, eher schon an der puren Lust der totalenVeräusserung, am satten Drive dieser siebzig Minuten, an der schieren Authentizität.

Matratzentürme

Und am Witz natürlich, am etwas genaueren Hinschauen auch, wenn frau Frauthematisiert. Am schönsten ist's kurz nach Beginn. Die dreiköpfige BaslerFraktion täppelt als Prinzessinnen auf die spärliche Bühne. Eingeschnürt insprichwörtlich atemraubende Oberteile piepsen sie tussig, die Krönchen wackelndackelig. Die eine - die so gar nicht hip-hoppig ausschaut, aber am feinsten spielt - hält eine Orange in der Hand: Das sei ihr Menstruationsgeschenk, das sie erst nach der Heirat schälen dürfe. Nachdem das Korsett fällt und in der tapferen sprachlichen Wiederholung des weiblichen Geschlechtsteils das Selbstbewusstsein wie Matratzentürme über Erbsen wächst, verspeisen sie schliesslich die tropfende Orange lustvoll stöhnend. So die Verwandlung der Prinzessinnen zu "Prinzähssinnen".

Da Dr. Sommer den Schwestern Männerpillen verschrieb, schleppen sie nun füreinen Monat ein paar zusätzliche Kilos zwischen den Beinen. Szenen einerMänner-Seifenoper werden mit Konservenlachern beschallt. Lange dauert dasnie, Songs aus Soul- und Rapland trennen die Situationskomik: Eine sieht mitPerücke aus wie Pam Grier aus Tarantinos "Jackie Brown" und rappt französisch, eine andere schmachtet eine Soulnummer, und die lauteste im paramilitärischen

Outfit zeigt nicht nur, dass sie ordentlich schreien kann, sondern auch als einzigeihren Flow auf den Schlag zu timen weiss.

Seggle, Mäitli!

Frauen haben es schwer vor dem Fernseher, wo lauter Gazellen auf Hacken mitdem Druck zweier Elefantenkühe rumstaksen. "Seggle, Mäitli, zieh die Schue a!", schreien sie oder machen bei Pamela Andersons obligatem Silikonjogging Kopfbewegungen, als beobachteten sie ein Jojo. Hübsche Barbiepuppen gehören ausserdem aus Kinderzimmern verbannt, und die der TV-Norm entlehnten Körper-"Defekte" wie "fetti Ooberschänggl" oder "Plattfiess"skandieren sie lieber laut als versteckt und leise. Und klar, die Zukunft, aber auch die finale Apokalypse sind weiblich.

Die Gruppe Gendertainment um den Regisseur Tom Ryser, die Dramaturgin Eva Watson und dem Rapmusiker Skelt! - alle aus Basel, von der Migros nach Zürich geholt - macht hier mit und für die Zielgruppe rasantes, zu diesem Zweck angenehm unreflektiertes Tempotheater. Endlose Verzärtelung wäre zwar fehl am Platz, doch eine etwas differenziertere Gliederung täte auch einem noch so veräusserlichten Abend keinen Abbruch.

Zu schnell und zu häufig drehen die "Prinzähssinnen" im roten Bereich, zu selten schalten sie mal in einen unteren Gang, was den Doppelschub auf der Geraden zur Publikumsrampe noch etwas siegessicherer aussehen liesse. Die "Prinzähssinnen" aber halten die Hände jede Runde erneut in die Höhe.

Von Tobi Müller

Basler Zeitung vom 16. November 1999

Die drei jungen Prinzessinnen
bilden den roten Faden durch
das Stück im «Roxy».

Zeitgemäss, provokativ und mit viel Witz

Tanz-, Musik- und Theaterspektakel
«Prinzähssinnen» im «Roxy»

Fahrstuhlmusik berieselt das Publikum, das auf der Tribüne im «Roxy» Platz genommen hat. Man wähnt sich in einem Kaufhaus; aus den Boxen erklingt eine warme Stimme, die die neuesten Produkte und Aktionen anpreist: von High Heels für Männer bis zu Kosmetika von Macho Matrix (Korrekturanmerkung des Webmasters: Macho Betrix).

Schmunzelnd lehnen sich die Besucher in die Sitze zurück, nicht ahnend, dass es sich bei der sanften Einstimmung im Saal nur um die Ruhe vor dem Sturm handelt. Denn was folgt, ist ein rasantes Tanz-, Musik- und Theaterspektakel, welches den Zeitgeist der jungen Frauen von heute mit viel Lust, aber auch Kritik an Männern wie Frauen widerspiegelt, ohne dass der Zeigefinger-Mahneffekt je zu Hilfe genommen wird.

Vom Teenie zur Frau

Bereits in der ersten Szene werden Tabus gebrochen. Auf zwei Plastiksofas liegend, sinnieren fünf Darstellerinnen über ihr von Löchern beherrschtes Wesen sowie die Geburt und nehmen dabei bei der Formulierung ihrer Geschlechtsteile kein Blatt vor den Mund. Die Besucher grinsen - die einen aus Amüsement, die anderen aus Verlegenheit. In verschiedenen Szenen wird das «Frau sein» durchleuchtet. Den eigentlichen roten Faden durch das Stück bilden drei junge Prinzessinen. Anfänglich noch schüchterne Teenies, durchlaufen sie verschiedene Stadien im Leben einer jungen Frau. Den «Chickly»-Groove legen sie mit der ersten Menstruation ab, von Barbie-Klischees werden sie enttäuscht und von der Pamela-Anderson-Traumwelt verärgert. Die Realität der Frau sieht anders aus, als sie in der schönen, reinen Welt dargestellt wird. «Open Your Eyes» schreit Sandra Nasic von der deutschen Crossover-Band «Guano Apes» beschwörend aus den Boxen, derweil die Darstellerinnen losgelöst und befreit abtanzen.

Mann per Telefon

Einer der Höhepunkte des Musiktanzraptheaters ist der Blick in die Zukunft, in der die selbstbewusste Frau sich ihr Gesamtpaket Mann per Telefon nach Hause liefern lässt. Ersatzteile wie Eileiter werden selbstverständlich nachgeliefert. «Wenn auch kein Mensch, so ist der Mann doch auch ein Lebewesen», ermahnt eine Verkäuferin eine verärgerte Kundin am Apparat. «Wir haben in der Schweiz doch bestehende Gesetze, die auch minderwertige Lebewesen schützen.» Das Stück endet mit der Apokalypse, in der die Mutter Erde alles in ihrem Schlund verschwinden lässt. Unter der Regie von Tom Ryser, der musikalischen Leitung von «Skelt!» sowie der Dramaturgie und Produktionsleitung von Eva Watson ist ein lebhaftes, zeitgemässes Stück entstanden, das ebenso durch seine Authentizität und direkte Sprache wie auch die Tanz- und Gesangseinlagen der acht Laiendar-stellerinnen überzeugt.

von Marc Krebs